Huch! Trados Studio 2015 ist jetzt da!

Unterwegs mit Studio 2014 zur Studio 2015

Als ich den informativen und auch durchaus begeisterten Bericht über die SDL Roadshow in London von Claire Cox las, konnte man sich für die SDL Roadshow in München noch anmelden. Und hatte noch Zeit zu vergessen, dass man es getan hatte, bis die Erinnerungs-Mail eintraf…

Die Hinreise nach München gestaltete sich nicht ganz uninteressant, denn für mich war es die erste Zugfahrt mit meinem neuen Notebook, und mein Sitznachbar arbeitete mit dem Alternativnotebook, das ich mir beinahe und dann doch nicht gekauft hatte, ein schickes kleines ThinkPad, das Stöße und verschüttete Kaffee übersteht. Er konnte, registrierte ich verstohlen, viel besser als ich tippen, da sein kompaktes Gerät gut auf den Klapptisch im ICE passte. Meins war unhandlicher, ruckelfreies Tippen ging nicht. Ich war also für die AutoSuggest Funktion in Studio dankbar. Und froh, dass ich auf meinem unhandlich großen Bildschirm Ausgangstext, Zieltext, Konkordanzsuche, TM und Terminologieerkennung unterbringen und im Blick behalten konnte. So kam ich gut voran, ohne mich aufs Diktieren zu verlegen und meinen Mitreisenden mit ausführlichen Informationen über fränkische Kulturlandschaften zu versorgen. Bis ich in München ankam, stand fest, dass die neue Hardware in Ordnung war und dass Studio sich wieder mal bewährt hatte.

In München war der Himmel blau, der Veranstaltungsort problemlos auffindbar, und der Empfang herzlich. Im Mittelpunkt stand natürlich Studio 2015, dessen neue Features unter den drei Überschriften Produktivität, Qualität und Individuelle Anpassbarkeit gebündelt vorgestellt und anhand der Betaversion am Vormittag auch gezeigt wurden.

Qualität

Unter die Rubrik Qualität fällt das neue „Retrofit“, also die Möglichkeit, Korrekturen nicht nur aus bilingualen korrekturgelesenen Dateien wieder ins Studio zu importieren (Update from external review), sondern auch aus monolingualen Dateien (Update from reviewed target file). Der Korrekturleser kann also direkt im Zieldokument arbeiten und Textboxen u.a. anpassen, und die Änderungen können anschließend einfach ins TM übernommen werden. Ebenfalls unter Qualität abgehandelt wurde die neue Autokorrektur-Funktion zur automatischen Ausbesserung von Tippfehlern.

Produktivität

Bei den Neuerungen im Bereich Produktivität stach vor allem das neue AutoSuggest-Feature ins Auge. Aktuell „lernen“ Autosuggest-Wörterbücher nur dazu, wenn sie aktualisiert werden, was vielleicht einmal im Quartal passiert. Jetzt kommen zu den klassischen Autosuggest-Quellen (Terminologiedatenbanken, AutoSuggest-Wörterbücher und AutoText) noch Neue hinzu, und das Ergebnis ist ein lernendes Autosuggest, das Wörter und Ausdrücke aus dem TM übernehmen kann (und somit teilweise die Konkordanzsuche ersetzt) und maschinelle Übersetzungsquellen ebenfalls anzapfen kann.

Ebenfalls unter den „größeren“ Neuerungen wäre zu verbuchen, dass AnyTM jetzt fest in Studio integriert wurde und dass TMs insgesamt flexibler als je zuvor gehandhabt werden können, z.B. bei Dokumenten mit gemischten Ausgangs-Sprachvarianten oder mit mehr als einer Ausgangssprache.

Zu diesen großen Änderungen kommt noch eine ganze Reihe von kleineren Verbesserungen. Zum Beispiel wurde das Einfügen von Sonderzeichen erleichtert, Anführungszeichen werden automatisch nach den Regeln der Zielsprache gesetzt, und eingescannte PDF-Dateien lassen sich jetzt dank integrierter OCR-Funktion direkt in Studio bearbeiten (denn es ist zwar eine Sünde, PDF überhaupt zu übersetzen, aber das Original liegt doch manchmal beim gegnerischen Anwalt.)

Gelegentlich fügen Übersetzer Kommentare in eine Datei ein als bloße Erinnerung an sich selbst, bestimmte Segmente nochmals anzuschauen. Im schlimmsten Fall vergisst man, diese Kommentare wieder zu löschen… Jetzt wird dieser „Missbrauch“ der Kommentarfunktion eingedämmt: stattdessen setzt man „Lesezeichen“, die im Zieltext nicht sichtbar sind.

Spannend (aber noch nicht im Studio 2015 fest eingebaut, sondern wohl im ersten Service Pack zu erwarten) war, dass es bald einen neuen Worddatei-Filter geben wird, bei dem man einstellen kann, dass Zieldateien trotz Korruption ausgegeben werden sollen. Denn ein kaputtes Segment ist kein Beinbruch, es sei denn, sie verhindert, die Ausgabe von den anderen 999…

Anpassung

Das neue Look&Feel von Studio ist an MS Office 2013/2016 angelehnt. Den Benutzern wird viel Flexibilität bei der Gestaltung der Benutzeroberfläche und der Multifunktionsleiste eingeräumt. Für größere Unternehmen hat das den Vorteil, dass man Funktionen aus der Benutzeroberfläche entfernen kann, die bestimmte Nutzergruppen ohnehin nicht verwenden sollen, um den Lernaufwand für die Mitarbeiter so gering wie möglich zu gestalten. Für Freiberufler wäre es vielleicht ebenfalls interessant, erst mit einer abgespeckten „Lerner“-Version durchstarten zu können, und erst später die volle Funktionalität von Studio kennenzulernen?

Terminologiepflege mit den Panzerknackern

Terminologie hat in Deutschland manchmal noch einen schweren Stand, führte MultiTerm-Trainer Ziad Chama in seinem Referat am Nachmittag aus: Die Kosten dafür seien leicht messbar, der Nutzen aber oft nicht sichtbar. Support-Kosten verringern sich etwa, wenn die Begrifflichkeiten im Produkthandbuch mit der verwendeten Terminologie im firmeneigenen Knowledge Base übereinstimmen und Kunden schnell anhand einer Stichwortsuche im Online-Auftritt der Firma Lösungen entdecken. Aber es fällt nicht unbedingt auf, dass das Nicht-Melden der Kunden beim teuren Support auf die saubere Terminologiearbeit zurückgeht. Die Leitvorstellung „Zweimal täglich MultiTerm Pflege, vor und nach der Arbeit“ hat sich noch nicht überall durchgesetzt, hierzulande müsse Terminologie, so Herr Chama, erst noch cool werden. Er leistete einen Beitrag dazu mit einer übercoolen Beispiel-Termbank, das der Donaldistik gewidmet war und so manche Erkenntnisse über Daniel Düsentrieb & Co. und über die Verwendung des Erikativs zutage förderte, die mir neu waren, obwohl die Regionalgruppe Hof-Bayreuth ihren geographischen Schwerpunkt mitten im Einzugsgebiet des bald eröffnenden Erika-Fuchs Hauses hat, darunter auch die Tatsache, dass das Wort „Huch!“ erst entstanden ist, als eine Übersetzung von “Gasp!” gesucht wurde.

Im Gegensatz zur Situation in Deutschland sei in der Schweiz, so Herr Chama, Terminologie schon jetzt ziemlich cool. Dort könne man immerhin studierter Terminologe werden, und von dort sei schon seit jeher viel Druck ausgegangen, MultiTerm weiter zu verbessern, denn schließlich muss nicht nur die Terminologiearbeit an sich cooler werden, sondern (und hier kann man gut auf das Erikativ zurückgreifen: Ächz! Seufz! Grummel! Grübel!) auch die Werkzeuge dafür. Viele bereits erfolgte Verbesserungen in MultiTerm gehen auf die berühmt-berüchtigte „Schweizer Liste“ zurück („Es harzt…“). Auf das anspruchsvolle Publikum bei der Roadshow in Zürich war man bei SDL schon eingestellt…

Bei MultiTerm 2015 handelt es sich, erfuhren wir, um ein Stabilisierungsrelease, große Neuerungen seien hier (noch) nicht zu erwarten. Diverse Fehlerbehebungen wurden eingebaut, verschiedene Terminologie-Management-Einstellungen lassen sich inzwischen speichern und wiederherstellen, und es kommen eine anpassbare Multifunktionsleiste, einige zusätzliche Sprachen und eine frische Optik hinzu. Auf der Roadshow blieb der Eindruck nicht aus, dass MultiTerm in seiner Entwicklung nicht mit Studio Schritt gehalten hat und inzwischen vielleicht leistungsfähiger sein sollte als es ist. Angesprochen wurde vor allem das Problem, dass in längeren Segmenten (ab 200 Zeichen) häufig nicht alle Termini gefunden werden, so dass man manchmal versucht, einen nicht erkannten Terminus in die Termbank aufzunehmen und dann feststellt, dass er bereits existiert und bloß nicht angezeigt wurde. Um so größer war die Freude, als ich in den Release Notes von Studio 2015 die Überschrift “Enhanced Terminology recognition engine for long segments” entdeckte: SDL hat hier anscheinend mehr geliefert, als uns in München versprochen wurde – und im nächsten Release soll ja noch mehr MultiTerm zu erwarten sein.

Für mich persönlich ist das eine sehr gute Nachricht, da MultiTerm für mich oft wichtiger als Studio selbst ist: meine Kunden wiederholen sich ungern (auch ein Selbstplagiat kann schließlich ein Plagiat sein!), haben aber so gut wie immer eine recht spezifische Terminologie, so dass ich Terminologiedatenbanken als Gedächtnisstütze (und wenn ich gerade nicht diktiere, auch als Tipphilfe) unverzichtbar finde.

Fazit

Any of you who already has attended an industry-specific event will agree with me: it just gives you a wonderful fluffy feeling to be in a room full of translators, of language geeks like yourself.

Emeline Jamoul

Das stimmt natürlich immer, und es stimmte auch in München, auch wenn ich in unserem düsteren unterirdischen Verlies gelegentlich den Eindruck hatte, auf einer Gamer-Konvention oder in einem Coder Dojo gelandet zu sein. Es hat Spaß gemacht, alte KollegInnen wieder zu treffen und Neue kennenzulernen.

Ich habe eine Reihe von Tipps aufgeschnappt, vom schlichten Springen vom Quelltext zum Zieltext mit F6 bis hin zu komplexeren Vorgängen wie dem Einsetzen der QA-Werkzeuge in Studio zur TM- bzw. Glossarpflege, nachdem man vorher aus den jeweiligen TMs bzw. Glossaren Studio-Projekte erzeugt hat. Ich habe einige nützliche Funktionen entdeckt, deren Existenz mir bisher entgangen war, etwa die Word-Wörterbuch-Exportdefinition in MultiTerm, und ich bin jetzt vorgewarnt, dass Studio 2015 nicht unbedingt restlos abwärtskompatibel mit Studio 2014 sein wird (weil neue Merkmale, wie etwa die Lesezeichen, Studio 2014 eventuell zum Straucheln bringen könnten). Am nützlichsten waren jedoch letztendlich nicht die Hinweise auf dieser oder jener spezielle Eigenschaft der Software, sondern gerade die Möglichkeit, den Blick von einzelnen Features bzw. Problemen einmal loszueisen und die SDL Plattform als Ganzes zu betrachten.

Advertisements

3 Antworten zu “Huch! Trados Studio 2015 ist jetzt da!

  1. Michael Scheidler

    Liebe Sarah, jetzt bin ich endlich mal dazu gekommen, mir deinen Bericht durchzulesen. Ich kann mich dabei nur Isabelle anschließen, er ist wirklich kurzweilig geschrieben und dazu noch sehr informativ. Windows 10 habe ich schon, an das neue Startmenü konnte ich mich noch nicht gewöhnen (da fand ich persönlich Windows 8 übersichtlicher), aber alle Programme wurden problemlos übernommen. Eventuell werde ich heute noch auf Studio 2015 umrüsten, die Vorteile sprechen dafür, habe nur ein bisschen Angst wegen Inkompatiblitätsproblemen.

    Gefällt mir

  2. Ich habe Windows 10 gestern installiert und bin (noch?) nicht besonders begeistert. Allerdings erstreckt sich diese Nicht-Begeisterung nicht auf Studio 2015: die läuft weiter, als wäre gar nichts geschehen. Beim ersten Starten nach dem Upgrade sah ich gleich meine zuletzt übersetzten Dokumente in der Dateienansicht. Ich habe meine Studiolizenz vor dem Upgrade deaktiviert und nachher wieder aktiviert, das war wahrscheinlich unnötig, hat aber auch nur Sekunden gekostet.

    Ob man zuerst Trados oder Windows aktualisiert dürfte also m.E. von der Technik her ziemlich egal sein. Aber bei Studio 2015 sehe ich eher als bei Windows 10 ein, dass der Umstieg gleich so große Vorteile mit sich bringt, dass Warten tatsächlich von Nachteil sein könnte. Auf Windows 10.1 im Herbst zu warten würde ich hingegen gar nicht als unklug einstufen, vielleicht werde ich das bei meinem Notebook auch so halten, damit ich im Fall der Fälle nahtlos weiterarbeiten kann.

    Gefällt mir

  3. Isabelle Hofmann

    Danke Sarah für diesen ausführlichen Bericht! Gut geschrieben. Macht Lust auf mehr. 🙂
    Und jetzt bin ich umso mehr auf Studio 2015 gespannt. Ich werde nächste Woche das Update vornehmen (hatte bis jetzt schlicht und einfach keine Muße dazu).
    Eine Frage: Was würdest Du mir raten? Soll ich zuerst mein PC auf Windows 10 updaten und erst dann Studio 2015 herunterladen?

    Gefällt mir

Hinterlassen Sie ein Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s